Ein Interview aus der Serie
„Menschen, die Musik vermitteln“
Wenn wir an Ludwig van Beethoven denken, fällt uns natürlich zuerst seine Musik ein. Schnell haben wir aber auch ein Bild des Komponisten vor Augen: der energische Blick, die wilde Mähne – und die meisten werden jetzt an das Gemälde von Joseph Karl Stieler denken. Schon immer haben uns Maler auch die Musiker näher gebracht.
Einer der bekanntesten dieser Maler heißt Ferry Ahrlé. Bereits kurz nach seinem Studium hat er Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Sergiu Celibidache, den Geiger Yehudi Menuhin oder die Pianistin Branka Musulin gezeichnet. Das war Ende der 1940-er Jahre, und seine Bilder zierten die Programmhefte der Berliner Philharmoniker. Die größten Musiker seiner Zeit zu malen und mit ihnen über seine Bilder zu sprechen, hat den jungen Ferry Ahrlé ziemlich beeindruckt. Noch heute erzählt er mit Begeisterung davon. Während der Konzertproben, die er in zwei Spielzeiten erlebte, konnte er die Musiker bei ihrer Arbeit beobachten. Dabei vertiefte sich seine Liebe zur Musik. „Und Wissen kam hinzu“, wie er im Gespräch mit der Internationalen Musikschule Berlin erklärte.
Ferry Ahrlé wurde am 17. Juni 1924 in Frankfurt/Main geboren. Im Jahr darauf zogen seine Eltern nach Berlin. Seine Mutter Emi war Pianistin, sein Vater René ein berühmter Grafiker, der für große Firmen wie Shell die Werbeplakate gestaltete. Im Haus der Ahrlés fanden sich immer Pinsel, Farben und große Bögen Papier. „So konnte ich als Kind nach Herzenslust drauflos pinseln“, erzählte er uns. In seinem Elternhaus waren häufig Schauspieler und Sänger zu Gast. „In dieser von Malerei, Schauspiel und Musik geprägten Umgebung wurden die Grundlagen für meinen späteren Beruf gelegt“, ist er überzeugt.
Direkt nach der Schule begann Ferry Ahrlé sein Studium an der Berliner Akademie der Künste. „Durch unseren Nachbarn, den Schauspieler Paul Dahlke, bekam ich Kontakt zum ‚Deutschen Theater’. Dann habe ich auch Schauspielunterricht genommen.“ Nach Abschluss seines Studiums zeichnete Ferry Ahrlé Porträts und Illustrationen für diverse Zeitschriften, aber auch Schallplattenhüllen. Mitte der 1950-er Jahre zog er wieder in seine Geburtsstadt Frankfurt/Main. Hier entwarf er über 100 Plakate für Filme von Orson Welles, Ingmar Bergmann und viele andere, die heute Klassiker sind. „In dieser Zeit lernte ich auch den Pianisten Karl Engel kennen, der mir ein langjähriger Freund wurde“, berichtete der Maler.
In den 1960-er Jahren ging Ferry Ahrlé für einige Zeit nach Paris. Und obwohl sein Studium schon lange hinter ihm lag, trug er sich an der „Academie Julian“ ein. Denn: „Lernen kann man nie genug“, sagte er. Er zeichnete Stadtlandschaften von Paris und später auch von Venedig. Zurück in Deutschland widmete er sich den Themen Eisenbahn und Fliegen. „Das eine hat mich seit der Modellbahn in der Kindheit fasziniert, das andere habe ich als erwachsener Flugschüler entdeckt“, erklärte er.
Vielseitig sind die Themen also, die Ferry Ahrlé auf die Leinwand und zu Papier bringt. Doch immer wieder widmet er sich auch der Musik. Viele der über 4.000 Porträts, die er in seinem Leben schon gemalt hat, zeigen Musiker. Aber fantasievoll wie er ist, hat er das Porträtieren sogar noch weiterentwickelt. In den 1970-er und 1980-er Jahren hat er in zwei Fernsehserien Persönlichkeiten wie den Geiger Yehudi Menuhin interviewt und gleichzeitig gezeichnet – und das vor laufender Kamera! „Nach jeweils einer halben Stunde war nicht nur das Bild fertig, sondern der Zuschauer hatte auch die Person näher kennengelernt“, beschreibt Ferry Ahrlé sein Konzept. Interviewen und gleichzeitig Zeichnen und das ganze im Fernsehen – heute würde man das „Multimedia“ nennen. Ferry Ahrlé hat es schon gemacht, als das Wort noch gar nicht erfunden war. Für seine Idee erhielt er damals auf einem Fernsehfestival in New York eine Goldmedaille.
Ferry Ahrlé hat auch ein besonderes Talent, Wissen unterhaltsam zu vermitteln. In einer Zeichentrickserie ließ er seine Figur „Schwinimiprissi“ – einen freundlichen Herrn mit einem riesigen Zylinder – in die Vergangenheit reisen. Dabei konnte „Schwini“ unter anderem miterleben, wie Beethovens 5. Sinfonie entstand: Erst klopfte das Bäckermädchen an die Tür – „Da - da - da – daaa!“ –, dann der Postbote mit einem Brief von Schiller und am Ende ein Geldbote. In einer anderen Folge der Serie war es Herr Schwinimiprissi, der den Kontakt zwischen Johann Sebastian Bach und König Friedrich II. vermittelte.
Auch mit einem Augenzwinkern beschrieb Ferry Ahrlé das Leben des Komponisten Jacques Offenbach. Unter dem Titel „Offenbach in der Oberwelt“ gestaltete er für das Fernsehen einen Zeichenfilm. Anschließend wurde daraus eine Ausstellung, die durch viele Städte wanderte. Und noch einmal hat der Maler das Porträtieren weiterentwickelt: „Ich habe den Komponisten nämlich selbst gespielt – in Kostüm und Maske“, erzählte er. „Das war im Restaurant ‚Jacques Offenbach’ der Frankfurter Alten Oper.“ Er gestaltete auch Ausstellungen wie „Mit Mozart auf Reisen“ und „Mozartissimo“ sowie einen Bilderzyklus zu Opern von Richard Strauss. „Und mit meiner Kunstmappe ‚Die Welt der Oper’ habe ich den Wiederaufbau der Frankfurter Oper unterstützt.“
Mit der Musik beschäftigt sich Ferry Ahrlé aus Liebe dazu. „Auch bei meiner Arbeit im Atelier ist mir das ständige Hören der Musik sehr wichtig“, erzählte er uns. Bei dieser Verbindung ist es eigentlich kein Wunder, daß ihm – dem Maler – bei ihrem Erklingen Farben und Formen, ja ganze Bilder in den Sinn kommen. Nach Konzerten skizziert er seine Eindrücke. Er lernt auch viel über die Komponisten und die Hintergründe ihrer Werke. Aus seinen Gefühlen und seinem Wissen entwickelte er seine „Gemalte Musik“. In 25 großen Ölgemälden hat Ferry Ahrlé seine Vorstellungen über verschiedene Orchesterwerke dargestellt. Seine Bilder reichen von Mozarts „Jupiter“-Symphonie über Schumanns Dritte, Bruckners Vierte und Mahlers Neunte bis zu den „Symphonischen Metamorphosen“ von Paul Hindemith und Wolfgang Rihms „Schwebende Begegnung“.
Sein Gemälde über die 5. Symphonie von Ludwig van Beethoven hat Ferry Ahrlé zum Beispiel selbst so beschrieben: „Die im Vordergrund in grau-schwarz gehaltene Figurengruppe drückt die Unerbittlichkeit des Schicksals aus. Die aufstrebende Architektur signalisiert die im zweiten Satz aufklingende Hoffnung. Die düsteren Zypressen im Hintergrund symbolisieren die dämonischen Kräfte des dritten Satzes. Nach der plötzlichen Stille wachsen aus der Düsternis Lichtfiguren in das Zentrum der Komposition und formieren sich zu Energien des Guten.“
Vor kurzem ist Ferry Ahrlé 85 Jahre geworden. Von „85 Jahre alt“ mag man aber nicht sprechen, wenn man ihn persönlich erlebt. Malerei, Musik und seine fröhliche Neugier auf Menschen halten ihn jung. Weitere Zukunftspläne hat er auch. Gerade beendet er zum Beispiel einen Zyklus über 100 Gedichte von Goethe. Als nächstes zeichnet er „Was Schiller noch schreiben wollte“. Und seine „Gemalte Musik“ soll in einem Buch erscheinen.
An die Schüler der Internationalen Musikschule Berlin hat Ferry Ahrlé auch eine persönliche Botschaft: „Ein Tag ohne Malen oder ohne Musik ist für mich kein gelebter Tag. Das wichtigste ist aber, dass beides Freude bereitet. Und diese Freude wünsche ich Euch allen bei Eurer Musik.“
Von Wieland Aschinger
Der Maler Ferry Ahrlé im Internet:
www.ferry-ahrle.de
Verfasst am 3. September 2009 um 12:15 in Interviews
Tags: Beethoven, Komponisten, Musik





