Psychologe, Gärtner und „sorgender Vater der Musiker“ – Der Dirigent John Axelrod

Ein Interview aus der Serie
„Menschen, die Musik vermitteln“
John Axelrod

John Axelrod

Normalerweise unterrichten Musiklehrer ihre Schüler, bis sie bestimmte Fähigkeiten erlangt haben. Sei es für den Hausgebrauch, die Teilnahme an Wettbewerben oder eine berufliche Karriere. Es gibt aber noch eine Gruppe von Musiklehrern, die regelmäßig vor hochausgebildeten Instrumentalisten oder Sängern stehen: Die Dirigenten. Meistens sehen wir von ihrer Arbeit nur einen kleinen Teil, nämlich die Konzertaufführung. Weitaus mehr Zeit beanspruchen aber die vorbereitenden Proben. Dabei bringt ein Dirigent den Musikern bei, so zu spielen, wie er es sich vorstellt. Über diese Arbeit hat die Internationale Musikschule Berlin mit einem der besten Dirigenten unserer Zeit gesprochen: John Axelrod.

John Axelrod nennt sich selbst einen „Ameripäer“. Geboren wurde er in Amerika, genauer gesagt in Texas/USA. Doch seit über zehn Jahren lebt er in Europa. Schon mit 16 Jahren hatte er ein paar Monate Dirigierunterricht bei keinem Geringeren als Leonard Bernstein. Er studierte in Harvard und St. Petersburg/Florida Klavier, Komposition und Dirigieren. Dennoch ergriff er nach dem Studium zuerst einen anderen Beruf: Er wurde Talent-Scout für eine Plattenfirma und entdeckte Bands wie die “Smashing Pumpkins” oder arbeitete mit der Sängerin Tori Amos. Nach ein paar Jahren wechselte er sogar in eine völlig andere Tätigkeit und wurde Direktor eines berühmten Wein-Instituts. Aber mit 28 Jahren entschied er, daß er doch lieber Dirigent werden wollte.

Bevor wir auf die Arbeit eines Dirigenten mit dem Orchester zu sprechen kamen, fragten wir John Axelrod noch nach seinem ungewöhnlichen beruflichen Werdegang. Er hatte Unterricht bei Leonard Bernstein genommen und Musik studiert – warum hat er dann (zunächst) andere Berufe ausgeübt? „Mit 16 Jahren bei so einer Legende zu lernen, seinen Fußabdrücken zu folgen, das kann einen ziemlich einschüchtern“, sagte er. „Es kann nun mal nur einen Bernstein geben. Deshalb habe ich den Gedanken erst mal gehen lassen, bevor er von selbst wieder zu mir zurückkam. Mit Wein und Musik kann ich gut umgehen, und meine Jobs in der Rock-Musik und der Weinindustrie waren völlig in Ordnung. Aber dabei habe ich nur konsumiert, war nicht kreativ. Als ich mich entschied Dirigent zu werden, zwölf Jahre nachdem Lenny es mir empfohlen hatte, war das eine organische Rückkehr zu meinen Wurzeln. Und ich habe es nie bereut.“

Wie ist es genau zu dieser Entscheidung gekommen? „Ich arbeitete in Napa Valley und hatte eine Offenbarung. Nach einem langen Gespräch darüber, seinem eigenen Glück zu folgen, fuhr ich abends von dem Wein-Institut nach hause. Ich dachte noch über das Gespräch nach und hörte in meinem Kopf ständig „Vorspiel und Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner. Das ist mein Lieblings-Musikstück und irgendwie konnte ich mich gar nicht aufs Autofahren konzentrieren. Ich hielt den Wagen an und schaute auf die unglaubliche Schönheit des Tals. Dabei hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben absolute Stille. Das war die allerschönste Musik, die ich je gehört hatte. Ich ging zurück zum Auto, schaltete das Radio an und heraus kam – das ‚Tristan’-Vorspiel. Das nahm ich als ein Zeichen mein Leben zu ändern und zur Musik zurückzukehren. Am nächsten Tag kündigte ich meinen Job.“

1997 hat John Axelrod in Houston das „OrchestraX“ gegründet. Dieses Ensemble engagiert sich sehr dafür, junge Menschen für klassische Musik zu interessieren. Unter anderem wartet das Orchester nicht, daß das Publikum in den Konzertsaal kommt. Stattdessen bringet es die Musik dahin, wo die jungen Leute sich aufhalten, zum Beispiel bei Grillpartys, in Clubs und Einkaufszentren. John Axelrod sagt dazu lachend: “In Deutschland gibt es die drei großen B - Bach, Beethoven und Brahms. In Texas haben wir gemacht Bier, Barbecue und Beethoven.”

Heute spielt John Axelrod weltweit mit den besten Orchestern. Von den Los Angeles und den London Philharmonikers über das Gürzenich Orchester Köln bis zum Leipziger Gewandhaus und den Dresdner Philharmonikern. Nachdem er die letzten fünf Jahre Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters war, übernahm er im September 2009 diesen Posten beim französischen Orchestre National des Pays de la Loire. Außerdem war er in diesem Jahr Musikalischer Direktor der Serie „Hollywood in Vienna“ des ORF. Daneben ist er schon seit 2001 Ständiger Gastdirigent der Sinfonietta Cracovia.

Bevor der Dirigent das Orchester anleiten kann, muß er sich selbst eine Vorstellung von dem Stück machen. Wie bereitet sich also ein Dirigent vor? „Ein Dirigent muß mehr sein als ein Musiker“, meinte John Axelrod. „Er oder sie muß von vielen Dingen Ahnung haben: Von Geschichte über Psychologie, Soziologie und Menschenkunde bis Klangwissenschaft, Sport-Strategien und Gartenarbeit.“ – Moment mal, Gartenarbeit? „Ja, genau! Atmung, Pflege und Liebe gelten für das Musikmachen genau wie für das Wachsen einer Blume. Eine Partitur ist bloß ein architektonischer Entwurf, eine Blaupause. Oder ein riesiges Stück Marmor. Wenn man das Werk darin entdecken will, muß man hinter die Noten schauen, um die Intention des Komponisten zu finden, den Charakter der Musik, den er im Sinn hatte. Das alles dem Orchester zu vermitteln, erfordert sowohl Bescheidenheit als auch Souveränität. Es erfordert professionelle Sicherheit, aber auch den Willen zur Freiheit. (Richard) Strauß sagte früher zu den Musikern: ‚Das ist 2, das ist 3, das ist 4 – und der Rest liegt bei Ihnen.“.

In so einem Orchester sitzen doch lauter Musiker, die ihre Instrumente perfekt beherrschen, weil sie es studiert haben und seit Jahren spielen. Wie bringt ein Dirigent diesen Künstlern bei, so zu spielen, wie er es sich vorstellt? „Wie gut man ein Orchester motivieren kann, das hängt vom Verständnis der menschlichen Beziehungen ab“, sagte John Axelrod. „Die Musiker spielen ihre Instrumente. Aber das Instrument des Dirigenten ist eine Gruppe von Menschen aus Fleisch und Blut, mit Herz und Geist, nicht Holz und Metall. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man die Umgebung schaffen, in der man das beste Potential aus einem Ensemble herausholen kann.“

Wenn John Axelrod ein Konzert beginnt, strahlt er auf das Orchester immer eine freundliche Sicherheit aus, als wollte er zu den Musikern sagen: “Ich weiß, daß Ihr es könnt.” Während des Konzerts steht er nicht steif am Pult, sondern tanzt regelrecht die Musik. Fast könnte man sich die Ohren zuhalten und *sehen*, welche Musik sein Orchester gerade spielt. Das wirkt, als wollte er den Musikern zeigen: „Ich bin einer von Euch.“

„Das ist tatsächlich meine Absicht“, bestätigte John Axelrod. „Manchmal, wenn ein Orchester aufsässig ist, spiele ich den sorgenden Vater und betrachte alle Musiker als ehemalige Kleinkinder. Das hilft.“ Die Behauptung, daß ein Dirigent nicht der Freund des Orchesters sein könne, hält er für einen Mythos. „Wir gehören alle zusammen. Man stelle sich eine Firma ohne Chef vor, eine Fußballmannschaft ohne Trainer, ein Schiff ohne Kapitän. Im wesentlichen leben und sterben wir zusammen. Die Liebe, die man gibt, gleicht der Liebe, die man erhält. Und wenn wir Erfolg haben, erinnert uns das daran, warum wir Musik machen.“

Gibt es nicht manchmal auch eine Art Kräftemessen zwischen Dirigent und Orchester? „Man kann es nicht immer allen rechtmachen“, meinte John Axelrod. „Daher gibt es natürlich immer eine Art von Konflikt. Die Orchester spielen auf unterschiedlichem Niveau, deshalb können sich nicht immer alle Erwartungen erfüllen. Aber ausgehend von dem, was ich eingangs erwähnt habe, ist es möglich, jedes Ensemble auf ein höheres Niveau zu bringen. Man muß flexibel sein und sich den Menschen eines Orchesters wie auch seiner Kultur anpassen. Ein französisches Orchester spielt französisch, ein italienisches entsprechend der italienischen Kultur, ein Schweizer Orchester schweizerisch und so weiter. Aber der wahre Machtkampf“, erklärte er, „ist der zwischen Musikern und Management. Es ist gut, daß der Dirigent nicht dazwischen steht. Andererseits verliert er damit etwas von der Autorität, die eigentlich in seiner Position steckt.

Als Gastdirigent hat man doch nur ein paar Tage Zeit, mit einem Orchester zu arbeiten. Wieviel von seinen Vorstellungen kann man da umsetzen? „Manchmal hat man sogar nur eine einzige Probe vor einem Konzert“, merkte John Axelrod an. „Arbeitszeitregeln, Kosten und das Repertoire können die Probenzeit begrenzen. In solchen Fällen ist es eigentlich unmöglich, mit Gesten oder Worten eine vollständige Interpretation zu vermitteln. Aber wenn ein Orchester motiviert ist, entsteht manchmal gerade aus diesem Mangel an Vorbereitung ein spontaner Zauber.“

Ein Chefdirigent dagegen kann den ganzen Klang und Charakter eines Orchesters verändern. Im September wurde John Axelrod Chef eines neuen Orchesters. Ob er davor aufgeregt war? „Ich bin immer aufgeregt, ein Orchester zu dirigieren, egal ob beim ersten oder beim hundertsten Mal“, räumte er ein. „Aber ein Chefdirigent zu sein ist bedeutsamer wegen der musikalischen Arbeit, die man leisten kann und wegen der Veränderungen, die man in einer Gemeinschaft kreieren kann. Das ist die absolute Definition von Erfolg. Denn Musik ist nun mal subjektiv. Manche Leute mögen deine Arbeit, andere nicht. Aber wenn ein Orchester lebendig und wichtig für sein Publikum wird, einem höheren Zweck dient und einen Beitrag zum kulturellen Leben seiner Gemeinschaft leistet, dann hat die Arbeit eine größere Bedeutung. Heutzutage hat ein Orchester nicht nur die Aufgabe, Musik zu machen. Ich glaube, daß es auch eine humanitäre Rolle spielt und der Bildung dient.“

John Axelrod kennt ja nun beide Positionen, Gast und Chef. Welche findet er interessanter? „Gast zu sein macht Spaß, denn man hat nicht die Verantwortung eines Chefdirigenten und kann an wundervolle Plätze der Welt reisen. Man kann auch viel über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Orchestern lernen.“ Andererseits meinte er, hat es mehr Tragweite, Chefdirigent zu sein. „Dann man hat die Chance, eine musikalische Vision und das Schicksal einer Organisation zu formen. Nicht nur den Klang und die Interpretation, sondern auch die Bedeutung der Organisation im Leben der Öffentlichkeit. Ohne Öffentlichkeit kann ein Orchester überhaupt nicht existieren. Und ohne ein Orchester verliert die Öffentlichkeit die Verbindung zu ihrem kollektiven musikalischen und kulturellen Erbe.“

Hat John Axelrod als Dirigent ein Vorbild? „Sicherlich Christoph Eschenbach, einer meiner Mentoren. Er gab mir die erste Gelegenheit, ihm in Bayreuth und beim Schleswig-Holstein Musik Festival zu assistieren. Von ihm habe ich viel über Technik gelernt und darüber, hinter den Noten der Partitur zu lesen.“ Ein weiteres Vorbild unter den lebenden Dirigenten ist ihm Valery Gergiev, „wegen seiner Vision, seiner Kraft und seines Mutes. Und Gustavo Dudamel wegen seines Energie und seines Stils. Aber die größten Dirigenten sind für mich immer noch Bernstein und Carlos Kleiber. Ohne sie könnte ich mir nicht vorstellen, wie wir die Freiheit der Musik finden würden.“

Wenn John Axelrod nicht Dirigent wäre, welches Instrument würde er am liebsten spielen? „Ich wäre gerne ein Sänger“, verriet er. „Wirklich, wegen der Ausdrucksmöglichkeiten, die die Stimme bietet. Dann würde ich alle Schubert Lieder singen. Das andere Instrument wäre die Klarinette, wegen ihres Charakters und der Flexibilität ihres Repertoires – von Jazz über Klezmer bis Klassik. Oder vielleicht das Englisch-Horn: Da wird man nicht oft eingesetzt, aber wenn man spielt, dann meistens solo. Und dafür bekommt man den ganzen Applaus – kein schlechter Job!“, meinte John Axelrod lachend. Einmal hat er sogar in einem Konzert gesungen. „Das war in Düsseldorf“, erzählte er. „Als bei ‚Porgy and Bess’ ein Sänger ausfiel und so schnell kein Ersatz gefunden werden konnte, fragte der Intendant, ob ich singen könnte. Als ich mich dann umdrehte und ‚There’s a Boat That’s Leaving Soon from New York’ anstimmte, hat das Publikum vielleicht große Augen gemacht! Das war ein tolles Erlebnis.“

An der Internationalen Musikschule wird zwar nicht Dirigieren unterrichtet. Hat John Axelrod trotzdem einen Ratschlag für unsere Schüler zum Umgang mit Musik oder dem Erlernen eines Instruments? „Ich finde, daß jedes Instrument als Tor in die Welt des Dirigierens dienen kann. Aber natürlich können die polyphonen Instrumente, hauptsächlich das Klavier, das Gehör und das Gehirn am besten trainieren. Das ist sehr hilfreich beim Lesen von Partituren.“ Das meint er aber nicht einschränkend, denn: „Aus vielen Instrumentalisten sind wundervolle Dirigenten geworden. Und es ist eine unbestreitbare Wahrheit, daß der Dirigent immer den besten Platz im Haus hat, um eine Symphonie oder Oper zu erleben. Da hat man die Musik immer zum Greifen nahe.“ Und er fügte hinzu: „Nach meiner Erfahrung ist das Ziel, den freien Fluss unseres Handwerks zu finden. Es ist das wunderbarste Gefühl, miteinander zu atmen und die Erschaffung von Klang zu erleben. Findet den Moment, in dem Ihr loslasst und hört, wie die Musik die Segel setzt.“

Und was würde er den Eltern empfehlen? „Ich bin ja selbst Vater. Mein einziger Rat an die Eltern ist: füttern Sie die Fantasie und Kreativität Ihres Kindes. Wenn es Talent hat, wird sich das von selbst zeigen. Und wenn es um Musik geht, ist es das Beste, nichts zu erzwingen oder für das Kind zu entscheiden. Lassen Sie Ihr Kind wählen, einmal oder mehrmals, und freunden Sie sich mit den Instrumenten an. Und wenn Sie den Lehrer nicht mögen: wählen Sie einen anderen. Es ist wahnsinnig wichtig, den richtigen Lehrer zu finden. Denn dessen Anleitung wird noch später im Leben gebraucht. Und schließlich: Wenn Ihr Kind eine professionelle Laufbahn anstrebt, haben Sie Geduld, lassen Sie es einfach spielen. Es ist eigentlich ganz einfach. Wie Strauß sagte: ,Der Rest liegt bei dir’.“

Von Wieland Aschinger

John Axelrod im Internet:
www.johnaxelrod.com

Verfasst am 26. November 2009 um 5:59 in Interviews
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