Ein Interview aus der Serie
„Menschen, die Musik vermitteln”
In ein paar Jahren sollen alle 42 Opern von Georg Friedrich Händel auf CD erscheinen, darunter viele, die wir noch nie gehört haben. Die treibende Kraft dieses Projekts ist aber keine Plattenfirma und kein Opernhaus, sondern eine Schriftstellerin: Die amerikanischen Bestseller-Autorin Donna Leon. Sie ist berühmt für Ihre Kriminalromane über den italienischen Commissario Brunetti. 16 Fälle hat sie ihn bisher lösen lassen, einen pro Jahr. Diese Bücher wurden auch alle erfolgreich für das Fernsehen verfilmt. Gerade hat sie das 17. Buch veröffentlicht (Titel: „Das Mädchen seiner Träume“).
Doch wenn Donna Leon sich nicht mit ihrem Commissario beschäftigt, geht sie ihrer zweiten Leidenschaft nach: der Musik von Georg Friedrich Händel. Besonders seine Opern haben es ihr angetan. „Ich besuche sechs bis sieben Händel-Aufführungen pro Jahr“, sagte sie in einem Interview mit der Internationalen Musikschule Berlin. Und erklärte: Viele davon sind die von Alan Curtis und (seinem Ensemble) „Il Complesso Barocco“, wo ich auch an den Proben teilnehme. Ich fahre aber auch nach Paris, Zürich oder München“. Am liebsten würde sie einmal eine Aufführung von „Alcina“ erleben, „denn das ist mein Favorit unter den Opern“.
Aber Donna Leon hört und sieht sich die Werke nicht nur an. Sie nutzt auch jede Gelegenheit, um andere Menschen für Händel zu begeistern. Wenn sie zum Beispiel aus ihren Kriminalromanen liest, erzählt sie auch meistens von Georg Friedrich Händel. Vor einigen Jahren entwickelte sie ein Konzertprogramm, bei dem nur Händel-Arien gesungen wurden, die von Magierinnen wie Melissa, Amida oder Alcina handelten. Im April diesen Jahres sprach Donna Leon in der ARD-Sendung „Händel – Der Film“ über das Leben des Komponisten. Und im Mai gab sie mit dem Ensemble „Il Complesso Barocco“ einen musikalisch-literaterarischen Abend im Theater Wolfsburg.
Ursprünglich hat Donna Leon englische Literatur studiert (und unterrichtet). Heute arbeitet sie als Schriftstellerin. Daher haben wir sie gefragt, woher sie all ihr Wissen über die Musik von Georg Friedrich Händel hat. Ihre Antwort klang ziemlich bescheiden: „Ich bin ausgebildete Literaturprofessorin, überhaupt keine Musikerin. Daher kann ich gar nichts professionelles über Händels Musik erzählen und würde es auch gar nicht versuchen. Ich verbringe eine Menge Zeit mit Musikern, lese über Musik und höre zu, was andere Leute sagen.“ Das führte uns zu der Frage, was ihr so sehr an Händels Musik gefällt. „Das besondere finde ich, daß mir seine Musik mehr Freude bereitet als die von anderen Komponisten“, erwiderte sie. „Das ist wirklich alles, was ich dazu sagen kann.“
Ein großes Anliegen von Donna Leon ist es, daß alle 42 Opern, die Georg Friedrich Händel komponiert hat, auf CD aufgenommen werden. Darunter sind einige Werke, die seit Jahrhunderten nicht mehr aufgeführt wurden oder jetzt erst wieder entdeckt wurden. Viele davon werden von den Musikern von „Il Complesso Barocco“ unter ihrem Dirigenten und Gründer Alan Curtis gespielt. Und immer wieder holt sich das Ensemble einige der besten Solisten dazu, zum Beispiel Joyce DiDonato, Ann Hallenberg und Maite Beaumont (alle Mezzosopran) sowie Karina Gauvin (Sopran) und Sonia Prina (Alt).
Wir haben Donna Leon gefragt, was ihr Beitrag zu der Arbeit ist. „Ich bin bei den Proben und Aufnahmen dabei und gehe oft auf Konzerttourneen des Orchesters“, sagte sie. „Ich glaube aber, daß ich nicht viel mehr mache als ihnen beim Spielen und Singen zuzuhören oder wenn sie reden. Hier und da mache ich einen Vorschlag oder bringe ihnen bei den Proben Mineralwasser.“ Ganz anders sieht das Dirigent Alan Curtis. In der Sendung „Händel – Der Film“ sagte er über Donna Leon: „Sie ist eine enorme Hilfe für das Orchester und mich. Sie hat mehr für Händel getan, als irgendjemand sonst den ich kenne.“
Und wie ist sie Teil dieses Projekts geworden? „Es ist kein Projekt, nicht im geringsten“, erklärte sie. „Alan Curtis und ich sind alte Freunde. Vor zwölf Jahren haben wir unsere Kraft und Begeisterung zusammengetan und versuchen, Händels Opern einem größeren Publikum zugänglich zu machen.“ Die Aufnahmen entstehen aus der Freude an der Musik, nicht um einen Plan abzuarbeiten. Und ihr Ziel ist klar: „Die Gefühle der Zuhörer sind viel wichtiger als die der Interpreten.“ Doch was für ein Gefühl ist es, den Menschen diese selten oder nie zuvor gehörte Musik zu vermitteln? Donna Leon lehnt eigene Verdienste ab und gibt sie stattdessen an die Musiker weiter: „Ich vermittle eigentlich gar nichts, weil ich nicht selbst musiziere.“
Dennoch, wenn Ihr Donna Leon das nächste Mal reden hört, zum Beispiel bei der Wiederholung des Händel-Films, achtet einmal auf das Leuchten in ihren Augen und ihre Begeisterung, wenn sie über ihren Lieblingskomponisten spricht. Das ist wirklich ansteckend.
Schließlich fragten wir Donna Leon, was sie machen wird, wenn die letzte Händel-Oper auf CD aufgenommen worden ist. „Zum Glück ist keine Aufnahme endgültig“, erwiderte sie. „Wenn alle Opern aufgenommen sind, können sie wieder von andere Orchestern und Sängern eingespielt werden.“
Von Wieland Aschinger
Mehr über Donna Leon im Internet:
http://www.diogenes.ch/leser/autoren/a-z/l/leon_donna/biographie
Verfasst am 27. August 2009 um 12:40 in Interviews
Tags: Händel, Komponist, Opern




