Ein Interview aus der Serie
„Menschen, die Musik vermitteln“
In kaum einer anderen Stadt haben so viele Komponisten gelebt und gearbeitet wie in Leipzig. Große Namen von Telemann und Bach über Schumann bis Mahler zählen dazu. Rasch gelangt man vom Arbeitsplatz Johann Sebastian Bachs (der Thomaskirche), vorbei am Paulinum, dem zentralen Campus der Universität Leipzig, an der Telemann, Schumann und Wagner studierten, und dem Wohnhaus von Felix Mendelssohn Bartholdy zu dem Gebäude, in dem Edward Grieg die „Peer-Gynt-Suite“ komponiert hat. Manchen Bauwerken sieht man ihre berühmten Vorbewohner nicht mehr an, oder sie wurden sogar abgerissen und durch andere ersetzt. Wo zum Beispiel war eigentlich das erste Gewandhaus? Das heutige ist ja schon das dritte Konzerthaus, das diesen Namen trägt.
Ab 2010 entsteht in der Innenstadt von Leipzig ein Pfad aus Wegweisern zu diesen Gebäuden und ihren früheren musikalischen Bewohnern. Dazu werden Metallbänder in den Fußwegen verankert. Das ganze heißt „Leipziger Notenspur“. Und wer nun denkt, das sei die Idee eines Musikwissenschaftlers oder der städtischen Kulturverwaltung, liegt völlig falsch. Der Anstoß kam nämlich von einem Physiker und Professor für Statik und Dynamik. Er heißt Werner Schneider, und wir haben ihn in Leipzig getroffen.
Zuerst wollten wir natürlich wissen, wie es kommt, daß gerade ein Nicht-Musiker ein solches Projekt ins Leben gerufen hat. „Das ist eigentlich gar nicht so verwunderlich“, erklärte uns Professor Schneider. „Leipzig ist eine sehr musikalische Stadt. Bei uns spielen viel mehr Kinder und auch Erwachsene ein Instrument als woanders. Das liegt einfach an unserer Geschichte.“ In Leipzig hatten viele Notenverleger ihre Firmensitze, dadurch kamen viele Komponisten in die Stadt. Deren Werke wollten aufgeführt werden, dazu brauchte und braucht man bis heute Musiker. So hat also auch der Physik-Professor Werner Schneider als Kind Klavierspielen gelernt und beschäftigt sich bis heute begeistert mit Musik.
Nun hören sicher viele Menschen Musik und informieren sich auch darüber. Aber was brachte ihn auf die Idee mit der Notenspur? „Eigentlich ist meine Frau daran schuld“, sagte Werner Schneider lachend. Ihr war nämlich aufgefallen, daß das Haus von Robert Schumann durch zwei große Verkehrsstraßen vom Leipziger Stadtzentrum abgeschnitten und nun schwer zu finden ist. „Ausgerechnet ihr Lieblingskomponist!“ Das ließ Herrn Schneider keine Ruhe und er überlegte, wo es noch andere Gebäude gibt, in denen einmal berühmte Musiker gelebt oder gearbeitet haben. Rasch wurde seine Liste länger. So entwickelte er die Idee, statt einzelner Hinweise einen ganzen Pfad zu diesen Häusern anzulegen – die „Notenspur“.
Und wie ging es dann los? „Erstmal ging es gar nicht los“, erklärte uns Herr Schneider. Denn von seinem ersten Vorschlag 1998 sahen sich die Komponistenhäuser überfordert. Und der zweite Anlauf 2003 wurde von der Stadt abgelehnt, weil er nicht ging zur geplanten Olympia-Bewerbung passte. Davon ließ sich der Professor aber nicht entmutigen. Stattdessen ging er die Sache anders an: Er besuchte die einzelnen Häuser und Institutionen, auf die er mit der Notenspur hinweisen wollte, und erklärte ihnen seine Idee. Das war nicht immer ganz einfach. Manch große Institution musste erst davon überzeugt werden, mit kleineren Häusern zusammenzuarbeiten. Und das Museum für Bildende Künste konnte sich anfangs gar nicht vorstellen, was es in der Notenspur zu suchen hätte – dabei stellt es eine über drei Meter große Beethoven-Skulptur von Max Klinger aus.
So entstand ein Netzwerk aus Musikinstitutionen, Vereinen, Firmen und Privatpersonen, die das Projekt unterstützten, „in bester Leipziger Tradition: aus der Bürgerschaft heraus“, wie uns Herr Schneider erklärte. Außerdem sprach der Professor mit Mitarbeitern der Leipziger Hochschulen. Gemeinsam entwickelten sie eine Machbarkeitsstudie, die den Nutzen für die Stadt Leipzig darlegten sollte. Im Jahr 2006 stimmte das Kulturdezernat dem Projekt zu. Und die Tourismusförderung stieg auch mit ein. Im Oktober 2007 wurden die Ergebnisse des Design-Wettbewerbs zur „Notenspur“ im Leipziger Gewandhaus der Öffentlichkeit vorgestellt und im Juli 2008 endlich beschloss der Stadtrat die Realisierung.
Eigentlich hätte sich Herr Schneider nun zurücklehnen können, denn sein Projekt kam ins Rollen. Stattdessen hat er weitere Ideen entwickelt. Zu der „Notenspur“, die einen zu den berühmten Komponisten vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts leiten soll, kam der „Notenbogen“, der sich mit dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert beschäftigt. Und diesen zwei Spazierwegen folgte das „Notenrad“ – ein musikbezogener Radwanderweg, der über die Grenzen der Leipziger Innenstadt hinausführt.
Mit der Zeit entwickelte sich die Leipziger Notenspur vom Lehrpfad zu einem Musikerlebnis-Leitsystem. „Wir wollen Musikgeschichte erlebbar und hörbar machen“, erzählte uns Herr Schneider. Zum Beispiel soll man vor den Häusern der früheren Notenspur-Anwohner Beispiele ihrer Kompositionen hören können. Durch Klanginstallationen, Klangoasen und Hörstationen kommt die Musik ein stückweit aus den „Kulturtempeln“ heraus zu den Menschen auf der Straße. Dadurch können Leute erreicht werden, die sich sonst nicht in einen Konzertsaal trauen würden.
Ein großes Anliegen ist es Herrn Schneider auch, Kinder für die Musik zu begeistern. Regelrecht ins Schwärmen geriet er, als er von seinen Ideen für junge Hörer sprach: „Es wird Rätsel geben und einen Notenspur-Entdeckerpass. Außerdem entwickeln wir Stationen, an denen die Kinder Musik ausprobieren können.“ Als Beispiele nannte er ein Klanglabor und die Leipziger Notenwand, an der man Blindennotenschrift zum Klingen bringen kann.
2008 hätte Werner Schneider das Projekt beinahe aufgeben müssen. Durch eine Reform im Bildungswesen wurde seine Professorenstelle von Leipzig nach Dresden verlegt. Damit hätte er praktisch keine Möglichkeit mehr gehabt, sich nach Feierabend um die Notenspur zu kümmern. Kurzerhand ließ er seine Arbeitszeit auf vier Tage pro Woche kürzen, wodurch er jeweils einen Tag in Leipzig sein konnte. Zum Glück war das Projekt zu der Zeit schon so groß geworden, daß ihm die Universität für diesen Tag ein Büro zur Verfügung stellte.
Im Jahr 2010 soll die „Leipziger Notenspur“ im Rahmen eines Bürgerfestes eröffnet werden. Das „Notenrad“ und der „Notenbogen“ sollen den Jahren darauf folgen. Was macht Herr Schneider, diese fertiggestellt sind? „Dann planen wir noch eine ‚Notenszene’ für Musik von Jazz bis Rock“, verriet er. Und es scheint, als sei es nicht die letzte Idee des Physik-Professors, der uns zu den Musikern leitet.
Schließlich hat uns Herr Schneider für die Schülerinnen und Schüler der Internationalen Musikschule Berlin noch einen persönlichen Gruß aus Leipzig mitgegeben: „Viele der Komponisten der Leipziger Notenspur waren auch mit Berlin verbunden. Felix Mendelssohn Bartholdy, dem wir in Leipzig besonders viel verdanken, erhielt z.B. seine musikalische Ausbildung in Berlin. Hier in Leipzig hat er sich als Gewandhauskapellmeister um den musikalischen Nachwuchs gemüht und das erste deutsche Konservatorium gegründet. Ganz in seinem Sinne wünsche ich Euch und Ihnen Beharrlichkeit, Freude und Erfolg bei Ihrer musikalischen Ausbildung. Sie sind herzlich eingeladen, 300 Jahre Musikgeschichte auf der Leipziger Notenspur zu erkunden, sobald diese eröffnet ist.“
Von Wieland Aschinger
Über den weiteren Fortschritt der Leipziger Notenspur kann man sich auch im Internet informieren unter:
www.notenspur-leipzig.de
Verfasst am 20. August 2009 um 12:29 in Interviews
Tags: Kinder, Komponisten, Musiker




